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Zwischen den Liedern


Einblick in meinen Roman "Zwischen den Liedern".

Manche Geschichten beginnen mit einem Lied.

Andere mit einem Zufall, einem Augenblick, einer Begegnung, die zunächst ganz leicht erscheint und später das ganze Leben verändert.

Zwischen den Liedern erzählt die Geschichte von Muriel Palmer, einer bekannten Pianistin, für die die Musik lange Zeit Mittelpunkt und Ausdruck ihres Lebens ist. Es ist eine Geschichte über Liebe und Nähe, über Sehnsucht und Abhängigkeit, über das Festhalten und das Loslassen.

Die Geschichte führt von Boston und London nach Paris und schliesslich in ein kleines Dorf in der Provence. Dort, viele Jahre später, blickt Muriel zurück. Auf eine grosse Liebe. Auf Entscheidungen, die sie getroffen hat – und auf solche, die andere für sie getroffen haben.

Doch je weiter sie zurückblickt, desto mehr beginnt sie zu verstehen.

Es geht um den Weg zurück zu sich selbst.

Um die leisen Veränderungen, die manchmal erst sichtbar werden, wenn man innehält. Um das, was bleibt, wenn eine Liebe endet. Und um die Erkenntnis, dass man sich selbst nicht verlieren muss, um einen anderen Menschen zu lieben.

Die Musik begleitet Muriel auf diesem Weg. Manchmal ist sie laut und voller Leben, manchmal nur noch eine Erinnerung. Und irgendwann beginnt sie wieder zu spielen.

Nicht mehr für jemanden anderen.
Sondern für sich selbst.



Leseprobe

Es war Anfang August 2022. Die französische Regierung hatte soeben alle Corona-Massnahmen aufgehoben. Keine Gesichtsmasken mehr, wieder unbeschwert irgendwo essen gehen, endlich wieder Normalität. Daran musste sich Muriel Palmer erst einmal gewöhnen.
Sie hatte die Corona-Zeit in den USA verbracht. Sobald klar gewesen war, dass Europa den Ausnahmezustand, den man wegen dieses tückischen Virus ausgerufen hatte, endlich aufhob und man wieder ohne Impfzertifikat und all die anderen Vorschriften reisen konnte, hielten Muriel keine zehn Pferde mehr davon ab, ihren Flug nach Genf zu buchen. Dort gönnte sie sich eine Nacht in einem Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe des Flughafens. Eigentlich hätte sie die Gelegenheit nutzen können, Genf noch einmal zu besuchen. Den Jet d’Eau, die Uferpromenade, die Parks und Restaurants, die die Menschen an sommerlichen Tagen in die Stadt lockten. Die Konzerte in den Pärken, spielende Kinder, flanierende Paare, brav angeleinte Hunde.

Aber Muriel war müde. Müde von den letzten anstrengenden Jahren. Am nächsten Tag sollte ihre Reise weiter in die Provence führen.
Sie mochte keine langen Reisen mit Zug und Bus. Viel lieber war sie ihr eigener Chauffeur. Sie stieg ein, gab ihr Ziel in der Provence ins Navigationsgerät ein, und los ging es. Sie liebte es, mit diesem kleinen roten Fiat 500 durch die Gegend zu fahren. Im Autoradio liefen die altvertrauten Lieder. Vintage-Radio – was sonst?
„Ich bin ja auch vintage“, dachte sie. „Das passt zu mir.“

Auf dieser Fahrt wollte sie noch nicht über den Sinn und Zweck ihrer Reise nachdenken. Das verschob sie auf später. Jetzt wollte sie einfach geniessen. Die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Die Autobahn meiden und auf Landstrassen durch Frankreich fahren.
Nach einiger Zeit bekam das Vintage-Radio Aussetzer, und sie musste den Sender wechseln. Französisches Geplapper von nach Aufmerksamkeit heischenden Radiomoderatoren. Meistens traten sie gleich im Doppelpack auf und sprachen in einer Geschwindigkeit, die es wohl nur Franzosen ermöglichte, wirklich zu verstehen, was gesagt wurde.

Muriel verstand jedes Wort.

Sie war bei ihren Grosseltern in den USA aufgewachsen. Ihr Grossvater, Joseph Delaroche, war Franzose. Vom ersten Tag an hatte er mit Muriel und ihrer Schwester ausschliesslich Französisch gesprochen.

„Vielleicht werdet ihr es eines Tages brauchen“, hatte er immer gesagt.

Als Muriel die vertraute Sprache im Radio hörte, war es, als würde die Liebe zu ihrem inzwischen verstorbenen Grossvater in den Worten weiterleben. Jedes Wort transportierte diese Kraft und Liebe, welche ihr der Grossvater geschenkt hatte. Er war ihr Trost gewesen. Ihr Rettungsanker. Ihr Ratgeber. Und manchmal hörte sie sogar auf ihn.

Ihre Mutter hatte die Familie wegen eines anderen Mannes verlassen. Muriel war damals drei Jahre alt, ihre ältere Schwester Gabrielle fünf. Ihr Vater, Robert Palmer, war Airlinepilot und selten zu Hause. Wann immer er mit seiner Boeing 747 um die Welt düste, nahmen die Grosseltern mütterlicherseits die beiden Mädchen bei sich auf.

Warum sie diese grosse Aufgabe übernommen hatten, wusste Muriel nicht. Vielleicht war es anfangs ein schlechtes Gewissen gewesen. Vielleicht konnten sie nicht verstehen, weshalb ihre eigene Tochter mit einem argentinischen Grossgrundbesitzer davongegangen war. Doch die Mädchen bekamen davon nie etwas zu spüren.

Die Grosseltern übernahmen aufopferungsvoll all die Aufgaben, die gute Eltern für ihre Kinder übernehmen. Besonders Grossvater Joseph, aber sie nannten ihn nur „Pepe“, war unschlagbar. Er sorgte dafür, dass die Wunden in den Herzen der beiden Mädchen verheilen konnten und nur kleine Narben zurückblieben.

So lauschte Muriel während der Fahrt der vertrauten Sprache und freute sich zum ersten Mal auf das, was vor ihr lag.
Es ist eine lange Fahrt von Genf in die Provence. Zu lang, um sie ohne Pause zurückzulegen. Muriel nahm eine Ausfahrt und hielt auf einem kleinen Parkplatz am Eingang eines Dorfes. In einer Bäckerei kaufte sie sich ein Sandwich und biss in das frische Baguette.
„Erinnerungen stecken auch in Broten“, dachte sie.

„Die gleichen Brote assen wir in Paris.“

Paris. Die Stadt der Liebe hiess nicht umsonst so. Für Muriel war Paris tatsächlich ein Wendepunkt gewesen. Wenige Tage vollkommenen Glücks. Wenige Tage, in denen sie das Gefühl gehabt hatte, den Sinn des Lebens in jede einzelne Zelle ihres Körpers aufnehmen zu können.

Sofort ermahnte sie sich. „Jetzt nicht, Muriel. Es ist nicht die Zeit für Sentimentalitäten. Du hast noch genug Zeit, um deine Vergangenheit aufzuarbeiten. Heute zählt nur die Fahrt und dass du gut an deinem Ziel ankommst.“
Hastig trank sie ihren Espresso aus und machte sich wieder auf den Weg.

Schon bald zogen die ersten Lavendelfelder an ihrem Fenster vorbei. Es war Zeit für eine weitere kleine Pause. Am Rand eines Feldes stieg sie aus. Leuchtendes Violett, so weit das Auge reichte. Der Duft des Lavendels und das Summen der Bienen belebten ihre Sinne. In einiger Entfernung stand eine Gruppe von Menschen mit grossen Kameras. Sie versuchten, das endlose Blumenmeer einzufangen.
Muriel blieb einen Moment stehen und liess den Blick über die Landschaft schweifen.

Dann setzte sie ihre Fahrt fort. Der kleine Fiat 500 rollte durch die Provence, und Muriel wurde des Staunens nicht müde. Da waren die geraden Linien der Felder, ihre beinahe vollkommene Symmetrie, und dazwischen immer wieder Baumgruppen, die das Bild durchbrachen.

Die Weite erinnerte sie an den Ozean. An jenes Gefühl, bis zum Horizont schauen zu können und dennoch kein Ende zu sehen.
Ihr Ziel war nun nicht mehr weit entfernt.
​
Muriel versuchte, die Kraft dieses violetten Blütenmeeres tief in sich aufzunehmen. Sie wusste, dass sie diese Kraft in den kommenden Tagen brauchen würde.

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