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Schlangeweile - und Krokodil

Eine Brillenschlange fand’s furchtbar langweilig im Zoo.

Es war so ätzend schlangweilig. Das Schlangenfutter kam genau mit dem Elf-Uhr-Schlag der Turmuhr ins Schlangengehege. Schon wieder ein totes Kaninchen! So ein Schlangenfrass! 365 Tage lang der gleiche Ablauf.
Die Schlange beschloss, auszureissen, und als die Käfigtüre eines Tages eine Sekunde zu lange offen stand, schlängelte sie sich aus ihrem Gefängnis und verkroch sich nach kurvigem Weg 300 Meter entfernt im Gebüsch des Ausgangsbereichs.

Doch die Schlangenaugen waren es nicht mehr gewohnt, so weit zu sehen. Die Betonwand fehlte. Plötzlich hatte sie Weitsicht. Im Abstand von drei Metern wurde alles undeutlich: Farben fahl, ein weisser Schleier vor der Sicht. Die Schlange wurde traurig. «Ich sehe nicht mehr gut», stöhnte sie immerfort.

Die Eule hörte dies und gab ihr den Tipp, sich eine Brille zu beschaffen. «Aber wo bekomme ich das?», fragte die Schlange. «Uhuuu, in der Stadt!»

Die Schlange machte sich wieder auf den Weg. Nach drei Tagen kam sie im Brillengeschäft an. Aber man wollte sie nicht bedienen. «Sie tragen ja kein Geld bei sich, Frau Schlange, tut uns leid. Hier bekommen Sie nichts.»
Frau Schlange wurde aggressiv, aber es half nichts. Noch bevor der Schlangenfänger im Geschäft ankam, schlängelte sie sich ins nächste rettende Gebüsch.

Das einzige Vermögen, das Frau Schlange besass, war ihre eigene Haut.

Der Zufall wollte es, dass sie an einem Handtaschengeschäft vorbeikam. Herr Maletta, der Geschäftsführer, empfing sie freundlich – fast herzlich.
«Kommen Sie nur herein», sagte er. «Machen Sie es sich bequem. Möchten Sie einen Kaffee?»
Er behandelte sie ganz wie eine gute Kundin.
Frau Schlange war so deprimiert über ihr schlechtes Sehen, dass sie zu allem bereit war.
Herr Maletta enthäutete sie – ruhig, routiniert.

Als lebende Wunde kroch sie später zurück zum Optiker. Ein unerfreulicher Anblick. Doch diesmal trug sie ein Goldstück im Mund.
Nun bekam sie ihre Brille.
Und plötzlich sah sie alles. Weit. Klar. So weit, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie war glücklich.
Sie blieb einen Moment still. Dann wurde sie schwächer. Und schwächer.
Sie verendete noch auf dem Ladentisch.
Der Optiker entsorgte sie.
Die Brille und das Goldstück behielt er.

Eines Tages büchste das Krokodil auch aus seinem Gehege im Zoo aus. Auch das Krokodil sah schlecht. Auch beim Optiker wurde es nicht bedient.
Auch Kroko ging am Ledergeschäft vorbei und sah in der Auslage die Handtaschen aus Krokodilleder.

Kroko wartete im Gebüsch, bis es dunkel wurde. Herr Maletta befand sich bei Anbruch der Dunkelheit allein im Geschäft. Die Ladentüre war unverschlossen. Kroko schlich sich ins Geschäft ein.
Was dann geschah, wissen wir nicht genau. Die Kasse jedenfalls war anschliessend leer. Herr Maletta lag tot unter dem Ladentisch.

Herr Kroko wurde drei Monate später mit einer Brille auf der Nase in Afrika aufgespürt, wo er sich gerade einen Drink auf dem Liegestuhl in einem vornehmen Resort genehmigte. Die Fussabdrücke stimmten mit denjenigen vom Tatort überein.
​
Herr Kroko wurde samt Brille wieder in den Zoo zurückgebracht.
Dort denkt er noch heute wehmütig an seine Abenteuer in Afrika zurück.

© Marion Maurer, 2010
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