Marion Maurer-Heuberger, Webseite Erbschaftsstreit
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Die Geschichte vom Buckelwalbaby Humphrey

© Marion Maurer, 1998 & 2026
Alle Rechte vorbehalten.
Bild
Im weiten Blau der Ozeane beginnt die Geschichte eines kleinen Buckelwals.
Humphrey entdeckt eine Welt voller Wunder – und stellt Fragen, die grösser sind als das Meer selbst.
​Auf seiner Reise lernt er, was es heisst, seinen eigenen Weg zu finden.

Eine stille, poetische Erzählung über Neugier, Gefahr – und das Vertrauen ins Leben.
Im weiten Blau der Ozeane, dort, wo das Licht von oben sanft in die Tiefe fällt und sich langsam im Dunkel verliert, beginnt eine neue Geschichte.
An einem ruhigen, sonnendurchfluteten Tag wird Humphrey geboren.
Seine Mutter und seine Tante sind bei ihm, sie umkreisen ihn schützend, während er zum ersten Mal das Wasser spürt. Noch weiss er nicht viel von der Welt – nur eines begreift er sofort: Unten ist es dunkel. Oben ist es hell. Und dort oben geschieht etwas, das ihn magisch anzieht.
Humphrey ist fünf Meter lang, ein kleines Wunder im grossen Ozean. Für seine Mutter ist er pures Glück. Noch unbeholfen bewegt er sich durchs Wasser, vergisst vor lauter Staunen manchmal sogar, zum Atmen an die Oberfläche zu steigen. Doch seine Mutter bleibt stets in seiner Nähe. Mit einer sanften Bewegung ihrer mächtigen Brustflossen hebt sie ihn nach oben.
„Atme, Humphrey“, scheint sie zu sagen. „Und entdecke die Welt.“
Schon bald beginnt er, seine Umgebung zu erkunden. Eine geheimnisvolle Unterwasserwelt breitet sich vor ihm aus. Fische in allen Farben ziehen an ihm vorbei, lassen schimmernde Blasen aufsteigen. Muscheln öffnen und schliessen sich lautlos, während Krebse gemächlich über den Meeresboden wandern.
Humphrey staunt.
Wer hat das alles erschaffen?
Dieses weite Wasser, das Licht, die Farben?
In ihm wächst eine leise Ahnung, dass es etwas geben muss, das grösser ist als alles, was er kennt – grösser sogar als seine Mutter und seine Tante.
Vielleicht, denkt er, kann er es sehen, wenn er nur hoch genug springt.
Und so beginnt er zu üben.
Er stösst sich vom Wasser ab, noch etwas unbeholfen, taucht wieder ein, versucht es erneut. Mit jedem Sprung gewinnt er an Kraft. Mit jedem Versuch kommt er dem Licht ein kleines Stück näher.
Gleichzeitig entdeckt er seine eigene Stimme. Zuerst sind es nur einfache Laute, doch schon bald beginnt er zu experimentieren. Töne entstehen, die wie ein leises Zwitschern klingen, fast wie Vogelgesang.
Manchmal stellt er sich vor, dass irgendwo über der Wasseroberfläche Wesen leben, die genau so klingen.
Wesen, die fliegen können.
Eines Tages wird er sie vielleicht sehen.
Doch zuerst wartet eine lange Reise auf ihn.
Seine Mutter erzählt von einem fernen Ort im Norden, weit hinter den warmen Gewässern. Dort, sagt sie, gibt es Nahrung im Überfluss. Dicke, kräftige Fische – genau das, was ein wachsender Wal braucht.
„Wir werden dorthin ziehen“, erklärt sie ruhig. „Und unterwegs wirst du noch vieles lernen.“
Auch von seinem Vater erzählt sie. Humphrey hört aufmerksam zu, während sie von ihm spricht – von seiner Stärke, von seinen Narben und von der weiten Reise, die sie alle miteinander verbindet.
Humphrey kann es kaum erwarten.
Die Welt ist gross. Und sie liegt vor ihm.

Schon bald machen sie sich auf den Weg.
Gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Tante schwimmt Humphrey durch die warmen Gewässer des Südens. Die Tage vergehen ruhig, getragen vom gleichmässigen Rhythmus des Meeres. Manchmal begleiten sie andere Meeresbewohner ein Stück ihres Weges – eine Gruppe verspielter Delfine, die um sie herum tanzen, oder helle Beluga-Wale, die wie schimmernde Schatten durch das Wasser gleiten.
Humphrey beobachtet alles mit grosser Neugier. Jeder neue Anblick, jedes Geräusch wird Teil seiner noch jungen Welt.
Eines Tages verändert sich das Meer.
Das tiefe Dunkelblau wird heller, fast leuchtend. Das Wasser beginnt zu glitzern, als hätte jemand das Licht darin eingefangen. Wellen rollen heran, brechen sich in weissen Schaumkronen und verlieren sich in hellem, weichem Sand.
„Das sind die Kanarischen Inseln“, erklärt die Tante.
Humphrey ist überwältigt.
Noch nie hat er etwas so Helles, so Lebendiges gesehen. Die Wale beginnen zu springen – zuerst die Tante, dann seine Mutter. Hoch erheben sie sich aus dem Wasser, drehen sich, schlagen mit ihren Flossen auf die Oberfläche, dass das Wasser in alle Richtungen spritzt.
Humphrey zögert einen Moment.
Dann wagt auch er einen Sprung.
Für einen kurzen Augenblick durchbricht er die Wasseroberfläche, sieht den Himmel über sich – weit, offen, strahlend – bevor er wieder eintaucht. Ein Gefühl von Leichtigkeit durchströmt ihn.
Immer wieder versucht er es.
Höher. Weiter. Dem Licht entgegen.
In der Nähe gleitet ein Schiff über das Wasser. Menschen stehen an Deck und beobachten die Wale. Humphrey versteht nicht, wer sie sind, doch er spürt ihre Aufmerksamkeit.
Ein kleines Mädchen lehnt sich über die Reling, ihre Augen leuchten vor Staunen.
„Schau mal!“, ruft sie. „Ein Walbaby!“
Für einen Moment scheint es, als würde sich ihre Welt mit Humphreys Welt verbinden – dann zieht das Schiff weiter, und die Stimmen verhallen im leisen Wind.
Die Reise geht weiter.
Je länger Humphrey unterwegs ist, desto stärker spürt er einen Ruf. Immer wieder blickt er nach oben, dorthin, wo das Licht beginnt.
Was ist dort?
Wer oder was verbirgt sich über der Wasseroberfläche?
Mit wachsender Entschlossenheit beginnt er, höher zu springen. Seine Bewegungen werden kraftvoller, seine Sprünge mutiger. Er dreht sich in der Luft, schlägt mit seinen Flossen, taucht ein und stösst sich erneut ab.
„Vielleicht“, denkt er, „kann ich es erreichen.“
Doch so sehr er es auch versucht – jedes Mal trägt ihn die Schwerkraft wieder zurück.

Eines Tages gelangen sie an einen Ort, der stiller ist als alles, was Humphrey bisher gesehen hat.
Am Meeresgrund liegt ein gewaltiger Schatten.
Neugierig schwimmt er näher.
Es ist ein Wrack.
Die Überreste eines grossen Schiffes, von Algen überwuchert, von Muscheln besiedelt. Seile hängen lose im Wasser, Metallteile ragen wie stumme Zeugen aus der Tiefe.
Humphrey spürt, dass dieser Ort anders ist.
Stiller.
Schwerer.
Trauriger.
„Was ist das?“, fragt er.
Seine Mutter bleibt einen Moment still, bevor sie antwortet.
„Ein Schiff aus einer Zeit, in der viele Wale gejagt wurden.“
Ihre Stimme klingt ruhig, doch in ihr liegt etwas, das Humphrey noch nicht ganz versteht.
„Die Menschen nannten sie Walfänger“, fährt sie fort. „Sie haben viele von uns verletzt, viele getötet.“
Humphrey betrachtet das Wrack erneut. In seiner Vorstellung meint er, ferne Rufe zu hören – Echos aus einer längst vergangenen Zeit.
Langsam schwimmen sie weiter.

Nicht weit von dort verändert sich die Stimmung erneut.
Ein lebendiges Zwitschern erfüllt das Wasser, hell und klar, fast wie Musik. Humphrey hebt den Kopf.
„Hörst du das?“, fragt er.
Die Tante lächelt.
„Das ist die Insel der Paradiesvögel.“
Neugierig nähern sie sich der Oberfläche. Als Humphrey erneut springt, sieht er sie zum ersten Mal: grosse, farbenprächtige Vögel, die durch die Luft gleiten, von Baum zu Baum fliegen, ihre Stimmen wie ein Konzert über das Meer tragen.
Humphrey ist fasziniert.
„Sie können fliegen“, denkt er.
Ein Wunsch entsteht in ihm – stark und klar.
Auch er will fliegen.
Er sammelt all seine Kraft, taucht tief hinab und schiesst mit einem mächtigen Stoss nach oben. Höher als je zuvor erhebt er sich aus dem Wasser, streckt seinen Körper dem Himmel entgegen.
Für einen kurzen Moment glaubt er, es zu schaffen.
Doch dann fällt er zurück.
Wieder und wieder versucht er es.
Doch so sehr er sich auch bemüht – seine Flügel tragen ihn nicht durch die Luft.
Langsam begreift er.
Sie sind nicht dafür gemacht.
Ein leiser Hauch von Enttäuschung legt sich über ihn. Doch gleichzeitig wächst etwas anderes in ihm – ein neues Verständnis.
Sein Platz ist hier.
Im Wasser.
Und hier gibt es noch so viel zu entdecken.

Schweren Herzens verlassen sie das Gewässer um die Insel.
Noch einmal lauscht Humphrey dem Gesang der Vögel, prägt sich die hellen, klaren Töne ein, bevor sie weiterziehen.
Doch schon bald verändert sich etwas.
Seine Mutter wird langsamer.
„Etwas stimmt nicht“, sagt sie leise.
Sie zögert.
„Ich kenne diesen Weg… und doch bin ich mir nicht mehr sicher.“
Zwei Richtungen scheinen sie gleichzeitig zu rufen. Die Tante schlägt vor, sich für kurze Zeit zu trennen. Sie möchte den Weg auskundschaften.
Humphrey bleibt bei seiner Mutter.
Ein Stachelrochen zieht seine Aufmerksamkeit auf sich – leicht, verspielt, scheinbar herausfordernd. Humphrey folgt ihm, immer schneller, immer weiter.
Das Wasser wird flacher.
„Humphrey! Komm zurück!“
Doch er hört nicht mehr.
Der Rochen lacht.
Dann der Ruck.
Sand.
Stillstand.
Humphrey ist gestrandet.
Panik durchströmt ihn.
Seine Mutter ruft, laut und verzweifelt. Ihr Ruf hallt weit über das Meer.
Die Sonne brennt.
Das Wasser fehlt. Humphreys Rücken wird trockener und trockener und schmerzt.
Dann erscheinen Menschen.
Sie bewegen sich schnell, entschlossen. Kühlen seinen Körper, schützen ihn, legen Gurte unter ihn. Ziehen, schieben, geben nicht auf.
Zentimeter für Zentimeter.
Dann eine grosse Welle.
Ein letzter Ruck--
Und das Wasser trägt ihn wieder.
Frei.
Seine Mutter ist sofort bei ihm.
Sie berührt ihn, immer wieder.
Er lebt.
„Ich habe etwas gelernt“, sagt Humphrey später leise.
„Nur wer auf dem richtigen Weg bleibt, kommt ans Ziel. Ich lasse mich nie mehr ablenken.“

Die Tante hat den richtigen Weg gefunden. Sie sind wieder vereint. Die Reise führt sie weiter nach Norden.
Eines Tages erscheint ein grosser Wal am Horizont.
Die Mutter erkennt ihn sofort.
„Humphrey“, sagt sie leise. „Das ist dein Vater.“
Der Vater nähert sich, betrachtet ihn lange.
„Das also ist mein Sohn.“
Stolz liegt in seiner Stimme.
„Du hast schon einiges erlebt“, sagt er ruhig.
Humphrey nickt.
„Ich war zu nah am Land… aber ich habe den Weg zurückgefunden.“
Der Vater nickt.
Dann zeigt er ihm, wie man jagt.
Kreise. Luftblasen. Ein Strudel. Der richtige Moment.
Humphrey lernt schnell.
Und wächst.

Der Vater erzählt Humphrey auch seine eigene Lebensgeschichte. 
Die Narben, die er trägt, sind eine Erinnerung an seine Zeit in der San Francisco Bay.
Auch er kam einmal vom richtigen Weg ab.
Klein Humphrey ist so stolz, sein Vater ist weltberühmt.

Die Tage vergehen.
Eines Abends erscheinen andere Wale.
Der Vater wird still.
„Die Zeit ist gekommen“, sagt er.
Er kommt näher.
„Ich werde jetzt gehen. Aber eines Tages komme ich zurück.“
Humphrey spürt es.
Dieser Moment ist wichtig.
„Wirst du mich erkennen?“, fragt er leise.
Der Vater lächelt.
„Ich habe dich erkannt, noch bevor du mich gesehen hast.“
Dann schwimmt er davon.
Wird kleiner.
Verschwindet.

Humphrey bleibt zurück.
Er atmet tief ein.
Und wieder aus.
Etwas ist zu Ende gegangen.
Und etwas Neues hat begonnen.
Er wendet sich seiner Mutter zu.
Und gemeinsam setzen sie ihre Reise fort.
Weiter nach Norden.
Weiter ins Leben.

Diese Geschichte entstand ursprünglich als Begleitung zu einer Musikkomposition, in der Walgesänge und Klänge des Meeres miteinander verschmolzen.
Heute steht sie für sich allein – als Erinnerung an die besondere Verbindung zwischen Mensch und Natur und als Einladung, die Welt der Wale mit neuen Augen zu sehen.
> Soundcloud "Der Abschied" von MAUAKEA
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